Konflikte lösen – ohne Gewalt

Fachtagung in Scheidegg fand großes Interesse
Referent Diplom-Sozialpädagoge Peter Karl, Schulleiter der St.Gallus-Schule Johannes Strasser, Pädagogische Leiterin der Fachklinik Prinzregent Luitpold Elke Grath, Referent und Deeskalationstrainer Christian Löckher-Hiemer, Referent Bernhard Leutert, Abteilungsleiter in der Kinder – und Jugendpsychiatrie der LMU München, und Dr. Thomas Hermann, Leiter der Fachklinik Prinzregent Luitpold in Scheidegg.Foto: KJF/Susanne Lorenz-Munkler
28. November 2017

Mit dieser Resonanz hatte keiner gerechnet: Elke Grath, pädagogische Leiterin der Fachklinik Prinzregent Luitpold in Scheidegg, plante einen Seminartag zum Thema Umgang mit aggressiven Jugendlichen und rechnete mit einer Handvoll Anmeldungen. Doch es kam anders. In der Turnhalle der Einrichtung der KJF Augsburg war am Veranstaltungstag kein Stuhl mehr frei. „Offensichtlich haben wir mit diesem Thema auf einen Nerv getroffen“, stellte Johannes Strasser fest, Schulleiter der klinikeigenen St. Gallus-Schule: „Therapeuten und Erzieher, Pfleger, Lehrer und Betreuer, kurz: alle, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, scheinen beunruhigt über die wachsende Gewaltbereitschaft, auf die sie bei ihrer täglichen Arbeit stoßen“.

Konflikte, Aggressionen, Gewalt bei Jugendlichen – ein Problem unserer heutigen Gesellschaft? Bernhard Leutert, Abteilungsleiter in der Kinder-und Jugendpsychiatrie der LMU München und Referent beim Seminar in Scheidegg meint: „Ja. Es ist wichtig, dass wir uns mit diesem Thema auseinandersetzen. Ich bin froh um jede Klinik oder Einrichtung, die mich als Referenten anfordert“. Sein Thema sind Strategien zur Deeskalation. Diese vermittelt er mit „PAIR“, einem Programm zum professionellen Umgang mit Aggression und Gewalt. Er zeigt Möglichkeiten auf, Gewalt schon im Frühstadium zu verhindern. Theoretisch und mit praktischen Übungen. Aber was ist eigentlich Aggression? Leutert: „Jegliche Form verbalen, nonverbalen oder körperlichen Verhaltes, die für andere Personen eine Bedrohung darstellt.“ Wie bedrohlich aggressive Kindern und Jugendliche sein können, haben viele Seminarteilnehmer schon schmerzhaft am eigenen Leib erfahren. Sie wurden gegen das Schienbein getreten, mit dem Finger im Auge verletzt, angespuckt, als Schlampe beleidigt oder in den sozialen Medien gemobbt. Die Bandbreite der Negativ-Erfahrungen, von welchen die Seminarteilnehmer berichten ist groß. Ebenso, wie es scheint, die Hilflosigkeit. „Was darf ich machen? Wann darf ich mich wehren? Darf ich einen randalierenden Jugendlichen wegsperren?“ Fragen mit welchen vor allem der Referent und Deeskalationstrainer Christian Löckher-Hiemer konfrontiert wird. Der ist im richtigen Leben eigentlich Polizeibeamter und mit allen Formen der Gewalt bei Jugendlichen vertraut. „Ich wurde selbst schon von einem 11-jährigen Buben mit dem Messer angegriffen“, erzählt er. Sein Programm „BodyMindBrain“ zielt auf eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Deeskalation durch Selbstbehauptung ab. „Meine Seminare sind sehr gefragt. Nicht nur Kliniken, Schulen und Therapie-Einrichtungen, sondern auch in vielen anderen Institutionen oder bei Behörden, wie der Agentur für Arbeit.“ Ziel seines Programms sei die Steigerung des Selbstwertgefühles und ein selbstbewussteres Auftreten. Auf die Fragen zur Rechtmäßigkeit von Notwehr-Reaktionen rät der Polizeibeamte und Coach, im Zweifelsfall immer die Polizei zu rufen. Man bewege sich hier juristisch in einer Grauzone.

Woher kommt aber die zunehmende Aggression von Kindern und Jugendlichen? „Die gesellschaftliche Wandlung zu immer mehr zerrütteten Familien, die exzessive Nutzung von Internet und Social Media“, mutmaßt Bernhart Leutert von der Kinder- und Jugendpsychiatrie München und weiß: „Beim Umgang mit Problemen stehen unsere Kinder und Jugendlichen ziemlich blank da.“ Und, so Leutert weiter: „90 Prozent der Aggressionen im Jungendalter sind männlich.“

Dieser Frage widmet sich der Referent, Diplom-Sozialpädagoge (FH) Peter Karl, der eine be-jahende und förderliche Erziehungshaltung für Jungen fordert „Jungen müssen raufen“. Aus seiner Arbeit der „Jungen- und Männerberatung“ habe er im Laufe der Jahre ein umfassendes Beratungsangebot entwickelt. Grundsätzlich gebe es bei Männern eine Polarität zwischen der männliche Rolle und der inneren verletzlichen Seite. Er kann der These, dass abwesende Väter eine Mitschuld an der Gewaltbereitschaft und Orientierungslosigkeit ihrer Kinder haben könnten, einiges abgewinnen. „Auch eine emanzipierte Mutter kann nicht einfach den Part des fehlenden Vaters übernehmen“, meint Karl. Gerade Buben bräuchten neben dem mütterlichen Pol den Vater als reale Identifikationsfigur um ihre männliche Seite entwickeln zu können. „Oft ist die Aggression bei Jungs nur ein Schrei nach Liebe und Halt“, so Karl.

Nach vielen, positiven Rückmeldungen, stand am Abschluss des Seminartags die Frage im Raum, ob weitere Fachtage dieser Art in Scheidegg organisiert werden könnten. Chefarzt Dr. Thomas Hermann und Verwaltungsleiter Thomas Schmoltner hätten dies wohlwollend aufgenommen, sagt Organisatorin Elke Grath: „Besonders bereichernd war für mich persönlich die Gelegenheit eines fachlichen, interdisziplinären Austausches vieler Professionen, die sich im Alltag um Kinder, Jugendlichen und Familien kümmern“.